oder eine kleine abhandlung über lyrik, liebe und musik im zeitalter der beseelten maschinen

inspiration

inspiration ist eine merkwürdige sache. meist überkommt sie einen im unerwartetsten - und oft unangebrachtesten - moment. auf der toilette, bei der polizeikontrolle, in der diskussion mit einem türsteher auf dessen hals das wort "rache" tätowiert ist ... überall in solchen situationen sind spontane und originelle ideen meist ausgesprochen fehl am platz.
deswegen lässt man sie meist besser auch unausgesprochen.

weit schlimmer aber ist es, wenn die inspiration gänzlich fern bleibt, und man darauf angewiesen ist, seine umwelt zu kopieren und sachen zu verwursten die man sich nicht selber ausgedacht hat, sondern von den wirren des lebens an uns herangetragen wurden.

aber ist das denn unbedingt schlecht? wer sollte ein besserer und pointenreicherer souffleur sein als das leben selber? hieß es nicht dass die kunst das leben imitiert? und ist nicht derjenige der eigentlich brillante, der es durch aufmerksamkeit und einen blick für das besondere schafft, in dem alltäglichen, grauen und tristen chaos den zauber zu sehen? eine ganz bestimmte melodie zu erkennen wo andere nur das kosmische hintergrundrauschen hören?

spam

ein hintergrundrauschen das die meisten von uns kennen, sind spam-mails. egal ob es um windige investitionen, betrügerische transaktionen aus westafrika oder verschreibungspflichtige medikamente geht: es nervt, stört und kostet unsere wertvolle zeit und aufmerksamkeit. deshalb reagieren wir meist verärgert wenn wir spam bekommen und sind meist total unwillig, uns auf andere weise damit zu befassen als auf "löschen" zu klicken, geschweige denn, die mail zu lesen.

selbstverständlich bilde ich da keine ausnahme. nur gerade neulich - ich hatte den finger schon zum löschen erhoben - klickte ich eine derartige spam-mail an. es ging, soweit ich das verstanden habe, um medikamente(!) zur penisverlängerung*.

hier der original-text der besagten spam-mail:
RECEIVED: 01/02/2006 14:41
SENDER: *************
SUBJECT: SMALL D1CKER, GET 3" L0NGER & B1GGER WITH THIS appearance


music pretty money turning very arms? hard raise disappoint fly end? anybody why side few latter off.
love anything goes force use is,
off young am different fire speaking. steps night fascinate.
arms music promised different again.
motor tying sandwich find corner? young latter suddenly already. is appearance appearance find yours fascinate.

erkenntnis und demut

aus irgend einem grund brachte diese worte eine saite in meiner seele zum klingen. die haiku-artige eleganz, die kraft und schlichtheit der gewählten metaphern - dieses maschinell generierten satzkonstrukt, dessen einziges ziel es war, am spam-filter vorbeizukommen, hinterließ bei mir einen tiefen eindruck und große ehrfurcht vor dieser fast beängstigenden schöpferkraft.

vertonung

mich und meine bandkollegen hat dieses meisterwerk so tief beeindruckt, dass wir uns spontan dazu entschlossen haben, das werk mit unseren bescheidenen mitteln musikalischen ausdrucks zu vertonen. es steht auch eine aufnahme unserer (übrigens bis auf bestimmte wortwiederholungen und zeilenumbrüche absolut werktreuen!) interpretation bereit. wer mag, kann beim hören gerne mitlesen!

versuch einer interpretation

selbstverständlich kann jede interpretation nur versuch, subjektives fragment und angebot bleiben. trotzdem will ich versuchen, mein verständnis dieses gewaltigen werkes in worte zu kleiden. man mag mir diesen hochmut, bedingt durch den emotionalen überschwang, nachsehen:

hard raise disappoint fly end - kann nur für die verzweiflung und ausweglosigkeit eines individuums in einer emotionsentleerten postmodernen isolationsgesellschaft stehen. doch hier: love anything! hier wird die weltumspannende kraft (force) einer allumfassenden, keine unterschiede oder vorbehalte machenden liebe propagiert! sie spricht mit der wucht des feuers (fire speaking), fasziniert wie der schritt in das unbekannte (step night fascinate). mit motor tying sandwich taucht das poem sprachgewaltig und kryptisch mit einer zweiten, stilistisch kühnen wendung in eine lautmalerische symbolik ein, so fern und erhaben dass es schwierig scheint, zu glauben dass dieses werk einem menschlichen geist entsprungen sein kann.

in diesem sinne,
oliver, mitglied von boskop

PS: wer sich intensiver mit dem thema spam-lyrik auseinandersetzen will, findet hier einen artikel zu dem thema.























*: wer sich an dieser stelle nicht zu blöd ist und ein dürftiges amusement daraus zu gewinnen vermag dass er mir ein spezifisches interesse an eben DIESER spam-mail, bedingt durch mein vorgeblich zu kurz geratenes gemächt, unterstellen zu müssen meint, der kann das gerne tun. die freude, damit ein wenig heiterkeit über ein schlichtes gemüt gebracht zu haben sowie die überzeugung dass man sich nicht gegen JEDE art von vorwurf wehren muss, überwiegt den ärger den ich dabei vermutlich empfinden sollte (spätestens seit phänomenen wie stefan raab wissen wir ja dass es völlig ausreicht, sich selber lustig zu finden). also: wacka wacka wacka, du freund der schlichten zoten und billigen pointen! weiter so mit deinem tumben allotria! hauptsache DU hast deinen spaß! ich freue mich über deine email!